Weshalb sollte es dir überhaupt wichtig sein, wo eigentlich das Modell hinter deinem Chatbot läuft? Genau darauf lieferte Lena Fuhrimann, Gründerin und Cloud Solution Architect bei bespinian, am TechTalk #29 einige unbequeme Antworten, gefolgt von einer wirklich handfesten Anleitung, wie man sich davon unabhängig macht. Ihr Vortrag war der zweite von drei Talks an diesem Abend und schloss direkt an Sebastian Nickels Ingress-Geschichte an, eröffnet wie gewohnt mit einer kurzen Einführung von Thomas Hug, unserem CEO und Gründer.
Warum es sich lohnt, das zu hinterfragen
Ihr erstes Argument drehte sich um Datenschutz. Nachdem ein kurzlebiges Feature für «auffindbare» Chats bei Google danebenging, landeten tausende per Link geteilte ChatGPT-Unterhaltungen im Google-Index, manche davon mit hochgradig persönlichem Inhalt. In einem separaten Fall verpflichtete ein US-Gericht OpenAI im Rahmen einer laufenden Klage dazu, Chat-Logs aufzubewahren, die Nutzende ausdrücklich hatten löschen lassen wollen, worauf sich OpenAI gegen diese Anordnung wehrte, statt sie klaglos umzusetzen. Beiden Unternehmen wollte dabei sicher niemand Fahrlässigkeit unterstellen, trotzdem zeigen beide Fälle, wie wenig Kontrolle über die eigenen Gespräche bleibt, sobald sie die eigene Infrastruktur verlassen haben.
Beim zweiten Argument ging es ums Geld. Trotz gewaltiger Investorengelder machen laut Lenas eigenen Schätzungen weder OpenAI noch Anthropic bislang Gewinn. Diese Lücke muss sich früher oder später irgendwie schliessen: über Werbung, über die Monetarisierung von Einfluss oder über steigende Preise. Für Nutzende ist keines dieser Szenarien von Vorteil.
Das Pendel
Wie es weitergeht, erklärte Lena mit einem Bild: Die IT pendelt seit jeher zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung, vom Mainframe zum PC, vom PC zur Cloud, von der Cloud zum Smartphone in der Hosentasche. Aktuell schlägt der KI-Trend stark in Richtung Zentralisierung aus, mit gigantischen Summen, die Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta gerade in Rechenzentrumskapazitäten stecken.
Sie wettet darauf, dass das Pendel zurückschwingt. Schon heute dienen proprietäre Spitzenmodelle dazu, Open-Source-Modelle zu trainieren, wodurch sich der Abstand zwischen beiden Welten deutlich verkürzt hat: Brauchte Open Source früher über ein Jahr zum Aufholen, reichen inzwischen teils rund sechs Monate, DeepSeek ist dafür das bekannteste Beispiel. Gleichzeitig wird auch Consumer- und Workstation-Hardware laufend leistungsfähiger, Berichten zufolge waren Apples neue M5-Max- und -Ultra-Chips bereits Minuten nach Verkaufsstart ausverkauft. Zusammen mit steigenden Preisen bei den proprietären Anbietern spricht das eher dafür, dass lokale, offene Modelle auf eigener Hardware die wahrscheinlichere langfristige Richtung sind, nicht bloss Wunschdenken.
Realistisch bleiben
Dabei übertrieb Lena bewusst nicht, was tatsächlich machbar ist. Sie teilt offene Modelle grob in drei Grössenklassen ein: kleine Modelle bis rund 35 Milliarden Parameter, die problemlos auf einem Laptop laufen, mittlere im Bereich mehrerer hundert Milliarden Parameter, für die es eine ernsthafte GPU oder einen kleinen GPU-Cluster braucht, und Modelle jenseits der Billionen-Parameter-Grenze, die tatsächlich mit der Spitze mithalten können, dafür aber ein komplettes Rechenzentrum voraussetzen. Für Hobbyisten und kleine Teams sind die ersten beiden Klassen das realistische Ziel, die dritte nicht.
Den eigenen Stack aufbauen
Anders als oft angenommen ist der eigentliche Engpass nicht Rechenleistung, sondern Arbeitsspeicher, genauer VRAM. Der wichtigste Hebel dagegen ist Quantisierung: Die Modellgewichte werden auf eine geringere Präzision heruntergerundet, was Genauigkeit kostet, aber den Speicherbedarf senkt (Googles Gemma-Modelle zeigen diesen Effekt öffentlich gut sichtbar). Auf der Architekturseite leiten Mixture-of-Experts-Modelle jedes Token über einen schlanken Router nur an eine kleine, relevante Untermenge der Parameter weiter, statt es durch sämtliche Parameter laufen zu lassen. Das beschleunigt die Inferenz, spart aber, anders als die Quantisierung, keinen Speicher. Zusammen erklären beide Konzepte auch die sonst kryptischen Modellnamen auf Hugging Face: Ein 4-Bit-quantisiertes Mixture-of-Experts-Modell mit 3 von insgesamt 35 Milliarden aktiven Parametern taucht im Dateinamen exakt so auf.
Für die Hardware nennt sie als Faustregel etwa 1,5 Gigabyte VRAM pro Milliarde quantisierter Parameter. Schon eine Consumer-GPU mit 12 Gigabyte reicht für einfache Klassifikation und simple Fragen aus. Mit einer Profi-Karte wie Nvidias RTX Pro 6000 und ihren 96 Gigabyte lässt sich ein 120-Milliarden-Parameter-Modell sogar für mehrere Nutzende gleichzeitig betreiben. Eine besondere Erwähnung verdient Apples eigene Unified-Memory-Architektur: Sie erlaubt es dem M5 Max und Ultra, bis zu 128 beziehungsweise 512 Gigabyte zwischen CPU und GPU zu teilen. Auf der Software-Seite bildet llama.cpp weiterhin die flexible, aber komplexe Basis, auf der die meisten Tools aufsetzen. Ollama gibt dafür etwas Flexibilität auf und gewinnt Benutzerfreundlichkeit, während vLLM zusätzliche Effizienzgewinne mitbringt, allen voran Paged Attention: Speicher für die Modellantwort wird dabei häppchenweise reserviert, während sie entsteht, statt von vornherein den gesamten Worst-Case-Block zu blockieren. Praktischerweise lässt sich vLLM auch gut mit Kubernetes kombinieren, um GPUs zwischen Workloads zu teilen, eine schöne Brücke zu Sebastians Talk vom selben Abend.
Was wir daraus mitnehmen
Zum Schluss riet Lena, bewusst auf kleinere Modelle zu setzen: Ein kleineres, spezialisiertes Modell erledigt die tatsächliche Aufgabe oft ebenso gut wie ein grosses Generalisten-Modell, nur ohne dessen Speicherhunger. Diese Disziplin ist auch für uns wertvoll. Genau für die zweite Grössenklasse in Lenas Einteilung, also Workloads, die echte GPU-Leistung, aber kein ganzes Rechenzentrum brauchen, sind unsere eigenen GPU-Server gemacht. Ihr zentraler Punkt, dass Kontrolle über die eigenen Daten mit Kontrolle über die eigene Infrastruktur beginnt, gilt genauso, wenn diese Infrastruktur zufällig in der Schweiz steht.
Welche Fragen du dir vor dem Aufbau eigener AI-Infrastruktur stellen solltest, haben wir ausführlicher in unserem Beitrag zum Training eigener LLMs statt bei US-Hyperscalern beschrieben. Mehr zu unseren GPU-Servern gibt’s auf unserer Produktseite. Hast du Fragen zu einem der Themen aus dem Talk? Melde dich bei uns. Den nächsten TechTalk kündigen wir wie gewohnt über unsere Kanäle an, unter anderem in unserer Meetup-Gruppe «TechTalk @ Nine».





































































































